{"id":649,"date":"2023-10-28T15:28:20","date_gmt":"2023-10-28T15:28:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.eliejolliet.ch\/web\/?p=649"},"modified":"2025-02-18T08:33:08","modified_gmt":"2025-02-18T08:33:08","slug":"231028-stellungnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.eliejolliet.ch\/web\/archiv\/231028-stellungnahme\/","title":{"rendered":"An meine Freund*innen, Kolleg*innen und treuen Unterst\u00fctzer*innen"},"content":{"rendered":"\n<p>In dieser Nachricht teile ich sehr Pers\u00f6nliches. Ich habe mich entschieden, mich zeitgleich per Mail, \u00fcber private Kan\u00e4le und auf sozialen Medien sowie meiner Webseite an Euch zu wenden. Es ist mir wichtig, die folgenden Ausf\u00fchrungen transparent zu kommunizieren: <strong>Ich habe mich entschieden, bis Mitte August 2024 s\u00e4mtliche Konzerte abzusagen.<\/strong> Ausgenommen davon sind die anstehenden Konzerte vom 29. Oktober und 10. bis 12. November, die bereits geprobt und auff\u00fchrungsbereit sind. Ich bitte Euch, nach der Kernbotschaft auch folgende \u2013 f\u00fcr mich nicht Unwesentlicheren \u2013 Zeilen zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einer Woche war ich fast erleichtert, von einer Grippe au\u00dfer Gefecht gesetzt worden zu sein: endlich ein Grund, ohne schlechtes Gewissen nicht zu \u00fcben. Am ersten richtigen Arbeitstag nach Genesung erwartete mich mein \u00dcbeprogramm \u2013 das durch eine knappe Woche Krankheit nicht weniger umfangreich und dringend geworden war. Kaum an der Orgel angekommen, sah ich mich wieder mit k\u00f6rperlichen Beschwerden konfrontiert, die mich seit l\u00e4ngerer Zeit kurz vor, w\u00e4hrend oder nach dem \u00dcben in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden begleiten: Gelenkschmerzen und Zittern in den Fingern, Herzrasen und Verdauungsst\u00f6rungen \u2013 obschon medizinisch keine Ursachen vorzuliegen scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verbunden mit gro\u00dfem Pflichtbewusstsein, niemanden \u201eh\u00e4ngen\u201c zu lassen, habe ich in den letzten Jahren solche Momente m\u00f6glichst schnell weggesteckt, von \u00dcberlegungen in die Richtung dieser, die ich jetzt mit Euch teile, ganz zu schweigen. F\u00fcr mich zeichneten sich in solchen Situationen jeweils zwei L\u00f6sungen ab \u2013 entweder eine baldm\u00f6glichste Besserung oder eine Entscheidung, um die Situation langfristig zu verbessern. In der naiven Hoffnung auf Besserung habe ich eine \u00fcberf\u00e4llige Entscheidung immer wieder auf sp\u00e4ter verschoben. Die Abst\u00e4nde zwischen diesen \u201eschwierigen\u201c Phasen wurden aber immer k\u00fcrzer. Ich habe diese Woche viele Versuche, in kleineren, kleinen und sehr kleinen Arbeitseinheiten zu einem gesunderen \u00dcben zur\u00fcckzufinden, hinter mir. W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe \u2013 und sie in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden l\u00f6sche und als belanglos und unwichtig erachte, um sie kurz darauf wiederherzustellen \u2013, rede ich mir ein, dass es nicht daran liegt, dass ich faul geworden bin \u2013 Ihr werdet es mir wohl eher glauben als ich mir selbst\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich eine solche Pause schon fr\u00fcher einplanen sollen. Leider brauchte ich viel Zeit und etliche Selbst\u00fcberlistungsversuche, um mir einzugestehen, dass die mentalen und k\u00f6rperlichen Probleme ihren Ursprung in meiner konzertbedingt oft unter hohem Druck stehenden Arbeit am Instrument haben. Diese Situation ist nat\u00fcrlich selbstverschuldet, da ich durch eine eher \u00fcbermotivierte Art zu oft Engagements nicht abgelehnt habe, obwohl ich eigentlich wissen konnte, dass es zu viel w\u00fcrde. \u00dcber l\u00e4ngere Zeit f\u00fchlte dies dazu, dass ich mich von der Arbeit am Instrument distanziert habe und \u00dcben immer mehr zur Pflicht wurde, die es \u201eabzuverdienen\u201c galt. Wenn andere Projekte und Verpflichtungen, z.B. im wissenschaftlichen Bereich, phasenweise gro\u00dfen Arbeitseinsatz verlangten, war ich froh, legitime Gr\u00fcnde zu haben, die Orgel zu meiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe die Freude an der Musik und deren Aus\u00fcbung zwar nicht ganz verloren, aber der Preis ist zu hoch geworden. Nach dem \u00dcben ist vor dem \u00dcben \u2013 eine mentale \u00dcbeblockade folgt der anderen und bringt ihre k\u00f6rperlichen Auswirkungen mit sich. Die unter diesen Umst\u00e4nden unbefriedigenden \u00dcbefortschritte tragen zur Verschlechterung der Situation bei. Diesen Teufelskreis will und muss ich brechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich bewusst dazu entschieden, die Wahrheit zu sagen und keine rein k\u00f6rperliche Krankheit \u2013 beispielsweise eine Sehnenscheidenentz\u00fcndung, wie ich sie vor zehn Jahren erlebte \u2013 vorzuschieben. Leider habe ich auch zu lange nie richtig mit jemandem dar\u00fcber gesprochen. Wenn ich dies alles heute mit Euch teile, dann auch damit, um das Tabu, das ich in klassischen Musikkreisen bez\u00fcglich solcher Thematiken empfinde oder zu lange empfunden habe, in meinem Umfeld etwas aufzuweichen. Manche werden diese Entscheidung als mutig, andere vielleicht als feige deuten \u2013 oder nicht verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich den Beruf des Musikers auf der B\u00fchne \u2013 oder in meinem Fall: auf der Konzertempore \u2013 nicht mein Leben lang aus\u00fcben werde, denke ich (und sage es einem kleineren Kreis auch) schon lange. Musiker zu werden, war nie mein Traum \u2013 ich bin es einfach geworden. Nicht ohne Unbescheidenheit kann ich sagen, dass ich dabei nie um Erfolge \u2013 relative und ein paar absolute \u2013 wirklich k\u00e4mpfen musste, auch oder gerade im Studium nicht. So habe ich diesen Weg auch nie ernsthaft in Frage gestellt. Ich habe und hatte auch stets das Gl\u00fcck, nie unter Auftrittsangst zu leiden. Wenn ich nun eine Konzertpause einlege, soll es aber kein \u201eadieu\u201c, sondern ein \u201eau revoir\u201c sein: kurzfristig schmerzhaft, aber langfristig die bessere L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle wissen: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Heute wei\u00df ich: Der Zeitpunkt meines pers\u00f6nlichen Nachhineins ist jetzt. Ich bedauere alle Absagen sehr, denn auf alle anstehenden Konzerte freute ich mich sehr, auf manche Werke in ganz besonderem Ma\u00dfe. Mit dem Gef\u00fchl, durch meine Absage viele Kolleg*innen und langj\u00e4hrige musikalische Weggef\u00e4hrt*innen im Stich zu lassen, werde ich umgehen m\u00fcssen. Dennoch: Es geht nicht mehr. Ich kann nur auf Verst\u00e4ndnis hoffen: In erster Linie von denjenigen, die in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten in anspruchsvollen Konzertprogrammen auf mein Orgelspiel z\u00e4hlten. Auch hoffe ich auf das Verst\u00e4ndnis aller Kolleg*innen, in der Hoffnung, dass ich ab August 2024 immer noch gefragt bin. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei m\u00f6chte ich ganz deutlich sagen, dass ich weder beabsichtige, nie mehr Konzerte zu spielen, noch die Absicht habe, w\u00e4hrend zehn Monaten der Orgelbank fernzubleiben. Einerseits werde ich meine wenigen gottesdienstlichen Eins\u00e4tze in Muri-G\u00fcmligen wahrnehmen. Vor allem werde ich mir aber Zeit lassen und Bedingungen schaffen, die das Entstehen neuer Lust und Freude am \u00dcben und an der Arbeit am Instrument erm\u00f6glichen. Ich m\u00f6chte mein Instrument neu entdecken, ohne Termindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich m\u00f6chte ich mich auch bei denjenigen entschuldigen, die in den vergangenen Wochen und Monaten in der musikalischen Zusammenarbeit oder allgemein unter Verhaltensweisen oder Entscheidungen gelitten haben, die durch meine zunehmende Ratlosigkeit, Verunsicherung und \u00dcberforderung hervorgerufen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Danke f\u00fcrs Lesen und Euer Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>(28.10.2023)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Nachricht teile ich sehr Pers\u00f6nliches. 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